ARCHAIC THRILL

Open-Air–Science-Fiction-Soundscape-Opera die Ende August/ Anfang September 2017 fünf mal aufgeführt werden soll. Das auf dem Tempelhofer Feld platzierte Kunstwerk „Plattenvereinigung“ eines einstöckigen Plattengebäudes in Kubusform von Zukunftsgeräusche GbR, der karg und futuristisch anmutende Beton-Platz davor, sowie die enorme Blickweite des Feldes sollen als Spielstätte und Bühnenbild der Klang-Oper dienen. Von einem steinernen Plateau, über den Vorplatz hinweg, blicken die Zuschauer auf die gläserne Front des Plattengebäudes. Von vier Performern live mit der Stimme produzierte Geräusche tönen immersiv aus mehreren Lautsprechern. Die nachahmenden Stimmen und Bewegungen der Performer schlagen eine sinnliche Brücke zu Objekten und Geräuschen moderner Technik, die uns im 21. Jahrhundert begleiten. Ihre Stimmen ahmen Geräusche nach, die in ihrer elektrischen Verstärkung ein vielschichtiges Soundscape entstehen lassen. Die Orts-spezifischen Geräusche wie das Grillenzirpen, das jaulende Summen der SBahn oder ein Hundebellen in der Ferne als Ausgangsmaterial werden aufgenommen und verstärkt, die Stimmen nehmen augenblicklich dazu Bezug. Die Performer setzen sich in ein lustvolles Verhältnis zu ihrer Umgebung. Der performative Umgang mit der nachahmenden Stimme ist in den Arbeiten der Klangkünstlerin Vera Buhß ein wesentlicher Bestandteil. ARCHAIC THRILL wird durch das Stimmrepertoire und den performativen Ausdruck des Sängers Thorbjörn Björnsson, des Tänzers Hermann Heisig und des Schauspielers Wieland Schönfelder erweitert.

Die vier Performer verdeutlichen die sich verändernde Atmosphäre. Das vokale Mitschwingen widmet sich der Umgebung und formt sowohl eine Komposition für die Weite als auch für den Wechsel vom Tageslicht zur Abendstimmung. Die Stimmen machen sich den Dingen und der Umgebung ähnlich. Sie schmiegen sich ihr zart an. Sie protestieren gegen die einseitige Beschallung, schallen in die Umgebung zurück und rufen in die Weite. Sie folgen den Assoziationen. Das Wahrgenommen verwandelt sich in Fiktion. So nehmen die Stimmen etwa das immerwährende Rauschen des Windes auf dem Feld auf, verstärken dieses, und verwandeln es in die tosenden Propeller von Flugzeugen, welche ehemals auf dem Feld starteten und landeten. Aus der stimmlichen Nachahmung entstehen schließlich Gesänge. Die sich daraus ergebende Opernkomposition bewegt sich im Wechselspiel zwischen Ursprung und Technologie. Gegensätze kulminieren zum ARCHAIC THRILL.

Die Stimmen und Bewegungen der Performer deuten repräsentative Objekte für das digitale Zeitalter um. Performativ nutzen sie technische Geräte, die in der heutigen Zeit die menschlichen Fähigkeiten ersetzen und erweitern, und erobern sich ihren sinnlichen Bezug zu ihrer Umgebung zurück. Die Rückkopplung von zwei Mobiltelefonen, dieses schrille, nervenaufreibende Geräusch, verwandelt sich durch stimmliche Nachahmung in ein zart liebliches Frage-Antwort-Spiel. Der Wechselsgesang setzt sich fort im Nachahmen der Töne des Abschickens und Empfangens. Es enstehen Situationen und Geschichten, die neuzeitige Kommunikationsformen ungewohnt verwenden und auf ihre Begleiterscheinungen Bezug nehmen. Das sich in sozialen Netzwerken zeigende Mitteilungsbedürfnis des modernen Menschen kann als verzweifelt empfunden werden, wenn wir befürchten, dass ihm aufgrund der Digitalisierung ein sinnlicher Bezug zu seiner Umgebung verloren geht. ARCHAIC THRILL provoziert dieses Bedenken und spielt mit der Frage, ob wir bewusst und sensibel mit gegenwärtigen Kommunikationsmitteln umgehen können. Sie gehören zu unserer Welt, welche wir nicht als leer und nur selten von Beziehungen durchzogen erleben wollen. Wir wollen uns zu den Gegenständen und Lebewesen um uns herum verhalten, auf sie Bezug nehmen, uns mit ihnen in sinnlichen Bindungen befinden. Deshalb beseelt ARCHAIC THRILL die Dinge um sich herum, indem die menschliche Stimme hinter ihren Originalklängen immer wieder hingebungsvoll auftaucht. Die Performer erobern sich ihre Umgebung zurück, indem sie sich das Technische körperlich zu eigen machen.