PAST FORWARD

Wie viel Gestern steckt im Morgen? Was wird vom Heute bleiben? Wie nachhaltig werden wir gelebt haben?

Ausgehend von dem eher ökonomisch oder ökologisch konnotierten Begriff der Nachhaltigkeit fragt das Festival PAST FORWARD aus unterschiedlichen Perspektiven nach Bestand und Beständigkeit unserer sozialen und individuellen Visionen.

Ort der Auseinandersetzung ist das Haus der Plattenvereinigung: Ein Recycling-Gebäude aus wiederverwendeten ost- und westdeutschen Plattenbauteilen, den Bestandteilen einstmals visionärer Baukultur. Im Oktober und November 2010 wird das Haus der Plattenvereinigung zur Werkstatt für Theatergruppen und Künstler, die im Rahmen eines Projektwettbewerbs von Plattenvereinigung und Maxim Gorki Theater Berlin ausgewählte Projekte realisieren und anschließend in Form eines Theaterfestivals zur Aufführung bringen: Archive werden angelegt und ausgewertet, Räume erkundet, Reisen unternommen, Pläne überprüft, Geschichten aufgeschrieben, Heute und Morgen aus der Perspektive des Gestern betrachtet. Es entstehen Installationen und Performances zu Aufbau, Zerfall und Verwerfung privater Lebensentwürfe und sozialer Utopien: Versuchsanordnungen im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft.

Kulturmassnahmen: Steuererklärung

Die Aufbewahrungspflicht für Steuerunterlagen endet nach 10 Jahren. Aus diesem Anlass lesen Boris Jöns, Sebastian Orlac und Thorsten Schwarz von der Gruppe Kulturmassnahmen aus ihren Steuerunterlagen aus dem Jahr 1999 vor und fragen sich: Was habe ich womit verdient? Wo wollte ich hin? Was ist aus meinen einstigen Investitionen geworden? Drei Erzähler, drei Lebensläufe, drei Arten sich zu erinnern. Eine szenische Lesung mit Musik von und mit Kulturmassnahmen. Am folgenden Abend laden Kulturmassnahmen zu einer geselligen Vernichtung alter Steuerunterlagen ein. Bringen Sie Ihre Ordner mit!

KULTURMASSNAHMEN ist eine 1997 gegründete Gruppe, die interdisziplinäre Veranstaltungen und Aktionen durchführt, z.B. die “Show des Scheiterns”, das “Anton-Reiser-Werkstipendium” oder das “Unternehmen Giessen – eine Stadt wird Doktor”. Arbeitsschwerpunkt ist die Beobachtung und Inszenierung zwischenmenschlicher Kommunikation. KM realisieren Massnahmen, die sie für notwendig erachten. Gelegentlich arbeiten sie mit kulturellen oder gesellschaftlichen Institutionen, insbesondere mit Theatern, zusammen (u.a. Münchner Kammerspiele, Kampnagel Hamburg, Maxim Gorki Theater Berlin).

„Viele der Aktionen haben einen sozialen bzw. gesellschaftskritischen Aspekt. Dabei verzichtet KM jedoch auf eine explizite gesellschaftliche Utopie (…). Im Mittelpunkt steht vielmehr das von den Verwerfungen der Gegenwart erschütterte und lädierte Individuum, das innerhalb der Aktionen eine Art rituelle Aufmerksamkeit oder Tröstung erfährt.“ (Wikipedia)

Geheimagentur: Beziehungen sind alles

Wie schafft man es, ein Haus zu bauen, wenn es keine Baumaterialien gibt? Der Mangel an Rohstoffen provozierte in der DDR unwahrscheinliche Verbindungen, ungeplante Situationen und erzeugte ein Netzwerk von Beziehungen unter dem Radar der offiziellen Planwirtschaft. Was es nicht gab, ließ sich durch Umwege tauschen, nachbauen, imitieren oder auch nur erträumen. Die Geheimagentur geht diesen Geschichten nach, präsentiert sie im Haus der Plattenvereinigung und überträgt sie in die Gegenwart: Eine Tauschbörse unsichtbarer Werte und Versprechen wird ins Leben gerufen, Handelspartner werden ermittelt, Kontrakte geschlossen, Wünsche erfüllt. Was sind die Träume, die heute kursieren und durch welchen Mangel wurden sie hervorgerufen?

Die GEHEIMAGENTUR produziert Situationen und Einrichtungen, die wie Fiktionen erscheinen und dann doch die Realitätsprüfung bestehen. Die Bank of Burning Money, die Wunder-Annahmestelle, die Alibi-Agentur, das Tourism-Art-Stipendienprogramm – Die Performances der Geheimagentur überschreiten die Grenzen symbolischer Politik in Richtung instant pleasure: Sie lassen eine andere Realität im Kleinen entstehen statt in kritischer Geste die alte Welt zu bestätigen. Die Geheimagentur ist ein freies Label, ein offenes Kollektiv und der Versuch einer praktischen art of being many – niemand weiß, wer dazugehört und wer nicht.

Die letzten Arbeiten der Geheimagentur sind: „Die Abendschule der Verschwendung I-III“ (Thalia Theater Hamburg), „alibi: wir sind nicht da I-III” (Thalia Theater Hamburg 2008), „china ist unsere zukunft – as if these were the early days of a better society” (Kampnagel Hamburg 2008), „The Get-Away-Gala” (Internationales Sommerfestival Kampnagel 2009), „The Most Wanted Works of Art” (Kampnagel Hamburg und Wiener Festwochen 2010).

O-Team: Die hängenden Gärten von Tschevengur

Die Nomaden des O-Teams finden sich in Berlin zusammen, um das Unmögliche möglich zu machen: Die hängenden Gärten von Tschevengur. 10, 9, 8, 7, 6 … Der Countdown startet, die Bombe wird gezündet, der Ist-Zustand in die Luft gejagt. Anhand von Andrej Platonovs philosophischem Roman „Unterwegs nach Tschevengur“ erforscht die interdisziplinäre Theatergruppe das Wesen der Utopie: Ihr phantastisches Heilsversprechen ebenso wie die verheerenden Folgen jedes Versuchs, sie ungebrochen in Wirklichkeit zu überführen.

Das O-TEAM ist ein freies und interdisziplinäres Theaterkollektiv, das seit 2007 Musik, Architektur, Film, bildende und darstellende Kunst miteinander verbindet. Seine künstlerische Arbeit lässt sich als ein Abgleich zwischen literarischen Utopien und recherchierten Wirklichkeiten beschreiben. Bisherige Produktionen spielten u.a. in der ehemaligen Wageninstandsetzungshalle der Stuttgarter Wagenhallen („HermannSchlachten07“, 2007), in einem vormaligen Verwaltungsgebäude der Münchner Firma infineon („Treffpunkt Golgatha“, 2008), in den verlassenen Redaktionsräumen der Süddeutschen Zeitung („Blaupause“, 2009) oder auf der historischen Hofmeierei des Darmstädter Großherzogs, dem heutigen biodynamischen Hofgut Oberfeld („Kirschgärten“, 2009). Stets thematisierte die Arbeit architektonische, wirtschaftliche und soziale Umnutzungs- und Umwälzungsprozesse, die sie an den Spielstätten vorfand: Die Inszenierungen beschäftigten sich mit den Lebensentwürfen, den persönlichen und gesellschaftlichen Utopien der dort noch oder nicht mehr lebenden Bewohner.

Building 22: Das Haus der Geschwister

Nach wochenlanger Reise durch unwegsames Terrain lichtet sich der Dschungel. Der Zuschauer erkennt ein Plattenbauhaus, die beiden Forscher nur ein mysteriöses Gebäude aus Beton. Ein Gefühl von Furcht mischt sich mit Faszination; sie beginnen, das Haus zu erkunden, vergangene Geschichten leben wieder auf, bedrohlich und bezaubernd. BuiLding 22 machen sich ihren fremden Blick auf die deutsche Geschichte zunutze und zeigen das Gewohnte aus der Distanz.

BUILDING 22 ist eine Gruppe von vier kanadischen Architekturstudenten aus Ottawa, die von September bis Dezember 2010 verschiedene Projekte in Berlin realisieren. Ana Brooks, Carmen Cheung, Evan Dysart und Daniel Rennie von der Azrieli-School of Architecture, Carleton University fragen in ihrer Arbeit nach Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation an Formen des öffentlichen Raumes. Ihre Entwürfe sind durch den Ansatz des New Yorker Architekten John Hejduk geprägt, der mit dem Konzept der “architektonischen Maske” städtische Institutionen beschreibt und als urbane Pathologien ausstellt. Im Rahmen des Festivals PAST FORWARD zeigen Building 22 ihr Prelude „Das Haus der Geschwister“. Koordiniert wurde die Arbeit von Dr. Annette Homann, Adjunct Research Professor an der Azrieli School of Architecture.

Jana Denhoven & Sven Lison: 2/3 Beton

Der gefundene Taschenkalender einer verstorbenen Fremden: “Fischstäbchen und Salat, ein Anruf aus Timmendorf, eine Fahrt zu den Lieben. Es waren schöne Wochen. Die Gräber waren in Ordnung.” Jana Denhoven und Sven Lison gestalten einen szenischen Gesprächsabend mit vier Gästen und zwei Broilern. Gastgeberin und Gesprächsthema ist die unbekannte Besitzerin des Tagebuchs. Dinner without one: Die Geladenen sitzen am gedeckten Tisch, diskutieren über die abwesende Gastgeberin und finden: wer weiß was? 2/3 Beton ist eine Versuchsanordnung über das, was bleibt.

JANA DENHOVEN, geboren 1981 in Bonn. Studierte 2002-2006 an der Academie Beeldende Kunsten Maastricht in den Nierdelanden, an der Kunsthochschule Berlin Weißensee und der Kunstakademie Düsseldorf. Seit 2006 freischaffende Bühnen- und Kostümbildnerin u.a. am Theater und Orchester Heidelberg, an den Städtischen Bühnen Osnabrück, mit dem atonal.theater Köln, am Theater im Bauturm Köln, an der Hochschule für Musik Köln sowie in freien, soziokulturellen Projekten.

SVEN LISON, geboren 1976 in Duisburg, studierte Fotografie im Fachbereich Kunst & Design an der jetzigen Folkwang Universität der Künste, 2007 Diplom bei Prof. Jörg Sasse. Seit 2003 zahlreiche Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Erste Einzelausstellung 2010 in der Galerie Jones, Köln. Sven Lison lebt und arbeitet seit 2007 in Berlin.

Susanne Kudielka & Kaspar Wimberley: Rock auf den Knochen

Während des Kalten Krieges wurde in der Sowjetunion Rock’n Roll-Musik auf Röntgenaufnahmen gepresst. Das Verfahren, umgangssprachlich „Rock auf den Knochen“ (Rok na kostyach) genannt, diente der illegalen Verbreitung westeuropäischer Populärmusik. Susanne Kudielka und Kaspar Wimberley laden am 19. und 20. November Besitzer alter Röntgenaufnahmen in ihre Produktionswerkstatt. Dort können sie ihre Bilder zu einer Schallplatte recyceln lassen. Bringen Sie ein altes Röntgenbild und eine mp3 aus Ihrem Musikarchiv mit und Sie erhalten eine Schallplatte. Anmeldung per Mail unter ticket@plattenvereinigung.de

SUSANNE KUDIELKA und KASPAR WIMBERLEY arbeiten international als Interventions- und Performance-Künstler. Den Schwerpunkt ihrer künstlerischen Auseinandersetzung bilden orts-spezifische und orts-bezogene Projekte, in denen alternative Strategien der Interaktion mit dem Zuschauer und neue Formen der künstlerischen Zusammenarbeit untersucht werden. Die Arbeiten sind subversiv, vergänglich oder temporär und zielen auf eine Neudefinition von Geschichte und Wahrnehmung eines gegebenen Ortes oder einer bestimmten Aktion. Jüngste Arbeiten von Susanne Kudielka und Kaspar Wimberley waren “Masterplan” für den Steirischen Herbst in Graz, das experimentelle Theaterprojekt “Cold Calls” für das Rotebühltheater in Stuttgart, eine Reihe orts-spezifischer Interventionen in Ekenäs, Finnland sowie die Präsentation von “Homezone” beim ISEA 2010 Symposium in Dortmund.